Das Leben Markgrafs

An der Grenze zwischen Böhmen und Sachsen


Geboren wurde Richard Markgraf 1869 im nordböhmischen “Erzgebirge”. Das Erzgebirge ist ein Mittelgebirge dass die natürliche Grenze zwischen Böhmen und Sachsen bildet. Bis 1918 gehörte dieses Gebiet an der Grenze zu Sachsen noch zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie.

Heute liegt dieser Teil des Erzgebirges in Tschechien. Ende des 19. Jhds. war die wirtschaftliche Lage im Erzgebirge sehr trist. Der einstmals so reiche Bergbau war im Niedergang und die Armut groß. Die Bewohner konnten sich mit handwerklichen Tätigkeiten wie Drechseln und Schnitzen mehr schlecht als Recht über Wasser halten. Ihre Frauen konnten durch die Erzeugung feinster Klöppelspitzen ein geringes Zubrot verdienen.

Richard in jungen Jahren            


Die Familie Markgraf lebte in der kleinen Stadt Preßnitz, welche sich aufgrund einer ausgezeichneten Musikschule den Ruf einer Musikstadt erworben hatte. Von Preßnitz aus zogen viele Musikergruppen durch die Welt, auf der Suche nach Glück und Reichtum, der einigen wenigen sogar zuteil wurde.

Richards Vater, Josef Markgraf war einer dieser Musiker auf Reisen. Eine Fotografie zeigt Josef in Uniform einer Musikergruppe mit der Zugposaune. Richards Mutter Theresia sowie die beiden Schwestern Marie und Albertine waren von Beruf Hebamme. Der Nachzügler in der Familie, Fridolin, war gut 20 Jahre jünger als Richard. Die Markgrafgeschwister waren alle musikalisch und besuchten wohl auch die Musikschule. Jeder der Familie beherrschte mindestens ein Instrument. Richard lernte das Violinenspiel und Klavier.

 

Josef Markgraf, Richards Vater

Um 1885 schloss sich Richard wahrscheinlich der Musikergruppe von Moritz Siegl an, zu diesem Zeitpunkt wäre er etwa 15 Jahre alt gewesen. Die Preßnitzer Musikgruppen, die aus bis zu 20 Musikern bestanden, kamen weit in der Welt herum bis nach Japan und in die USA. Gespielt wurde in Hotels auf Ozeandampfern und sogar bei Hofe. Zumindest der Kapellmeister, in diesem Fall Moritz Siegl, konnte sehr gut verdienen, da er oder sie die Arrangements vereinbarte und den Lohn erhielt, ein Teil den Musikern ausgezahlt, der Großteil jedoch behalten.  

Freie Bergstadt Preßnitz um 1880

Ägypten

Um 1897 fand sich Richard Markgraf völlig verarmt und krank in Ägypten wieder. Er konnte sich wohl die Rückreise nicht mehr leisten und wurde von der Musikergruppe zurückgelassen. Markgrafs ganzes restliches Leben sollte von seiner Krankheit geprägt sein. An welcher  Erkrankung Markgraf litt ist nicht genau überliefert. Walter Granger und Henry Osborn gegenüber, erwähnte er während deren Expedition 1907, dass er ursprünglich wegen seiner gesundheitlichen Probleme den Aufenthalt in Ägypten suchte. Granger notiert, dass es sich um eine Infektion der Atemwege handeln dürfte, möglicherweise sogar Tuberkulose



Hochplateau von Gizeh mit den großen Pyramiden


Eine schicksalhafte Begegnung


Eine Wende in Margrafs Schicksal brachte das Zusammentreffen mit dem Stuttgarter Paläontologen Eberhard Fraas, der ihm unverhofft mit der finanziellen Hilfe des Stuttgarter Konsuls Theodor Wanner und dessen in Kairo als Kaufmann tätigen Landsmanns Gustav Mez wieder auf die Füße half. Fraas war zu diesem Zeitpunkt ebenfalls ein „Gestrandeter“. Er wollte ursprünglich nach Ost- und Südafrika reisen um dort Forschungen für das Museum in Stuttgart anzustellen. Politische Schwierigkeiten hielten ihn jedoch in Ägypten fest. Fraas machte das Beste aus seiner Situation und beschloss seine Forschungen erstmal in Ägypten zu beginnen. In Kairo dürfte er auf Markgraf gestoßen sein, der fortan für ihn tätig war Im Gegenzug für Fraas` Unterstützung übernahm Markgraf die Organisation der Expeditionen in Ägypten und die Kommunikation mit den Einheimischen.

Eberhard Fraas, Quelle: Wikipedia

Nicht nur durch seine besondere Begabung im Auffinden von Fossilien, sondern auch durch sein Organisationstalent wurde Richard Markgraf zu einem wichtigen Mitarbeiter für Eberhard Fraas. Von Fraas lernte Markgraf die Grundbegriffe des Fossiliensammelns in den Mokattam Bergen


Ägyptomanie

Im Laufe des 19. Jhds wagten sich die europäischen und amerikanischen Forscher in immer unwegsamere Gebiete der Erde, es wurde erforscht, vermessen, kartographisiert und Monographien über die Erkenntnisse verfasst. Ägypten war wegen seiner kulturellen Schätze besonders beliebt. Aber nicht nur diese zogen die Forscher an, sondern auch die naturwissenschaftlichen Kostbarkeiten, die tief im Wüstensand verborgen liegen. Von dieser Entwicklung profitierte auch Richard Markgraf. Sein Ruf als geschickter Sammler von Fossilien sprach sich bald unter den Forschern herum. Neben Eberhard Fraas dürfte Markgraf andere Wissenschaftler, wie Max Blanckenhorn und auch der Pionier unter den deutschen Fossilienforschern in Ägypten, Georg Schweinfurth, gekannt haben.


Ein deutscher Adeliger


Um 1901/1902 lernte Markgraf den deutschen Forscher Ernst Stromer von Reichenbach kennen, für den er, mit Einverständnis von Eberhard Fraas, über 10 Jahre als Fossiliensammler tätig war Zwischen den beiden entstand über die Jahre auch eine gute Freundschaft. Ab 1903 begleitete Richard Markgraf den Paläontologen und Adeligen Stromer bei seinen Expeditionen. Stromer nahm Markgraf mit in die westlichen Wüstengebiete, wo sie alle wichtigen damals bekannten Wirbeltier-fundorte, darunter das Natrontal (Wadi el-Natrun), das Fayum und die Baharija-Oase aufsuchten. Über eine mehr als 10-jährige Zusammenarbeit bildete sich eine Freundschaft zwischen beiden. Stromer bezeichnete Markgraf als einen “tüchtigen Sammler”, der ihm “mit großem Eifer und mit Ausdauer sehr gute Dienste geleistet hat”

(Bericht Stromers für die “Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft).

Ernst Stromer von Reichenbach

Der unermüdliche Sammler


In einigen Punkt sind sich seine Zeitgenossen in ihren Beschreibungen über Markgraf einig: Er war ein einfacher und bescheidener Mann mit angenehmen Umgangsformen. Abgesehen von seinen krankheitsbedingten Ausfällen war er ein absolut verlässlicher Sammler, der unermüdlich Fossilien für seine Auftraggeber, oft unter ausgesprochen schwierigen Bedingungen sammelte und darüber hinaus in seiner Arbeit ausgesprochen genau und sorgfältig war.


Trotz seiner mühevollen Arbeit und der Vielzahl an Fossilien die er an Museen verkaufte war der finanzielle Erfolg dieser Unternehmungen eher gering. Immerhin, er bestritt seinen Lebensunterhalt damit und konnte Land und Haus im Fayum erwerben Granger erwähnt dass  Markgraf Land bei Sinnouris, in der Nähe von Tania und der Fayum Oase besaß, wo er plante, Dattelpalmen und Orangenbäume anzupflanzen. Ein kleines Zubrot verdiente er sich eine Zeitlang als Pianist im Shepheard Hotel in Kairo. Sonst ist sehr wenig über seine Lebensumstände bekannt, die, laut Ernst Stromers Nachruf, durch Armut geprägt war.



Die alte Heimat

Über den Menschen Richard Markgraf und sein Privatleben ist hingegen nur sehr wenig bekannt. Ein wenig Einblick in Markgrafs Leben bieten die Granger Tagebücher  So erwähnt er 1907 gegenüber Walter Granger und Henry F. Osborn dass seine Frau tot ist und seine Tochter in Italien aufgezogen würde.

Obwohl er das Erzgebirge, seine Heimat, nie mehr sehen sollte, riss der Kontakt mit den Geschwistern zu Hause nicht ab. So bekam Richard Besuch von seiner Schwester Marie und auch mehrmals von seinem jüngeren Bruder Fridolin. Maries Reise hatte den Hintergrund Richards Tochter Leopoldine, die in Italien aufwuchs, zu ihm zu bringen. Offenbar konnte er selbst die Reise nicht Antreten und bat daher die Schwester um diesen Gefallen. Für eine Frau war diese Reise, zumal allein unternommen, zu dieser Zeit äußerst ungewöhnlich.

Albertine und Marie Markgraf       



Leopoldine

Richards einzige Tochter Leopoldine dürfte 1896/1897 geboren worden sein. Das Kind wuchs in Italien auf und wurde erst nach 1907 auf Wunsch des Vaters nach Ägypten gebracht. Über die Mutter von “Poldi“, wie das Mädchen liebevoll genannt wurde, ist nichts bekannt. Es ist gut möglich, dass auch sie ein Mitglied der Musikergruppe aus Preßnitz war und wohl frühzeitig verstorben ist.


Leopoldine lebte einige Jahre mit ihrem Vater in Ägypten. Als er starb war sie gerade 18 Jahre. Sie heiratete später den britischen Offizier William Taylor, den sie in Ägypten kennen gelernt hatte. Sie ging mit ihm und dem gemeinsamen Sohn Richard nach dem 2. Weltkrieg nach Australien. Zuvor besuchte sie noch die Verwandten im Erzgebirge, auch um bei den tschechischen Behörden in Prag ihre wahre Staatsangehörigkeit klarzustellen, diese glaubten nämlich sie wäre noch Österreicherin und verhinderten wohl die Auswanderung nach Australien. Leopoldine Taylor geb. Markgraf starb am 26.01.1969 72-jährig in Sydney. Richard Taylor, ihr einziger Sohn, starb 1970 kinderlos.


        Leopoldine und Richard bei Grabung mit zahmer Gazelle und Hund

Gefangenschaft und Tod

Richard Markgraf verstarb 1916. Die genauen Umstände seines Todes sind nicht restlos geklärt. Zu seinem Tod gibt es zwei verschiedene Theorien. In der Familie wird erzählt, dass er im Verlauf des 1. Weltkriegs in britische Gefangenschaft geriet und auf Malta interniert wurde. Dort sei er dann aufgrund seiner schlechten Gesundheit gestorben. Die zweite Möglichkeit basiert auf Ernst Stromers Nachruf auf Richard Markgraf. Demnach wäre Markgraf durch die Auswirkungen des 1. Weltkriegs völlig verarmt und mittellos in seinem Haus in Sinnouris, im Fayum seiner Krankheit erlegen. Durch den 1. Weltkrieg waren keine Lieferungen von Fossilien ins Ausland mehr möglich und Markgraf damit von seinen Einkünften abgeschnitten. Leider gibt es für keine der beiden Theroien über Markgrafs Ableben ausreichend Beweise.


Ernst Stromer von Reichenbach, Paläontologe und Weggefährte, schrieb 1916 einen Nachruf auf seinen Freund mit dem Titel: „Richard Markgraf und seine Bedeutung für die Wirbeltierpaläontologie Ägyptens“.

 

Ernst Stromers Nachruf auf Richard Markgraf, 1916